Vom Riesen Pinkepank
Das buckliche Männlein
Lied
Kinderpredigt
Eine seltsame Kaffee-Gesellschaft
Wettstreit

Vom Schlaraffenland
Das Büblein auf dem Eise
Alter Mann wollt' reiten



schöne alte Kindergedichte

Vom Riesen Pinkepank

Jetzt hört die Mär drei Ellen lang
vom bösen Riesen Pinkepank.
Der wohnte tief in Wasserpolen
mit einer Prinzessin, die er gestohlen.
Einst ging er spazieren bis nach Ungarn,
da fing ihn mächtig an zu hungern.
Er nahm das Dach von einem Haus,
riss gleich das runde Öfchen aus
und schluckt es ganz mitsamt der Glut:
das war ein Würstchen heiß und gut!
Den Ofen konnt er nicht vertragen,
er satrb an einem verbrantten Magen.
Da sprach die Prinzessein: Gott sei Dank,
jetzt heiß ich nicht mehr Frau Pinkepank!

Victor Blüthgen

Das bucklige Männlein

Will ich in mein Gärtlein gehn,
will mein Zwiebel gießen,
steht ein bucklich Männlein da,
fängt als an zu nießen.

Will ich in mein Küchel gehn,
will mein Süpplein kochen,
steht ein bucklich Männlein da,
hat mein Töpflein brochen.

Will ich in mein Stüblein gehn,
will mein Müslein essen,
steht ein bucklich Männlein da,
hats schon halber gessen.

Will ich auf mein'n Boden gehn,
will mein Hölzlein holen,
steht ein bucklich Männlein da,
hats schon halber gstohlen.

Will ich in mein Keller gehn,
will mein Weinlein zapfen,
steht ein bucklich Männlein da,
tut mirn Krug wegschnappen.

Setz ich mich an Rädlein hin,
will mein Fädlein drehen,
steht ein bucklich Männlein da,
lässt mirs Rad nicht gehen.

Geh ich in mein Kämmerlein,
will mein Bettlein machen,
steht ein bucklich Männlein da,
fängt als an zu lachen.

Will ich an mein Bänklein knien,
will ein bisschen beten,
steht ein bucklich Männlein da,
fängt als an zu reden.

Liebes Kindlein, ach ich bitt,
bet fürs bucklich Männlein mit.

unbekannter Verfasser

Lied

Ich bin der Kasperl Überall,
und nirgends darf ich fehlen;
die Menschheit wäre nicht komplett,
wär ich nicht auch zu zählen.

Ich bin der Ksperl Daunddort,
man kann mich nicht entbehren;
komm ich wohin, so heißt es gleich:
Kannst dich zum Teufel scheren!

Ich bin der Kasperl Laufdavon
und geh gleich meiner Wege,
wo's etwa nicht ganz sauber ist;
denn ich liebe nicht die Schläge.

Ich bin der Kasperl Guckinsglas,
weil immer Durst ich habe;
ein jeder Meinsch, seis, wer es will,
hat eben seine Gabe.

Ich bin der Kasperl Überall,
und nirgends darf ich fehlen;
die Menschheit wäre nicht komplett,
wär ich nicht auch zu zählen.

Franz Pocci

Kinderpredigt

Ein Huhn und ein Han,
die Predigt geht an,
ein Huhn und ein Kalb,
die Predigt ist halb,
ein Katz und ein Maus,
die Predigt ist aus,
geht alle nach Haus
und haltet ein Schmaus.
Habt ihr was, so esst es,
habt ihr nichts,
vergesst es,
habt ihr ein Stückchen Brot,
so teilt es in der Not,
und habt ihr noch ein Brosämlein,
so streuet es den Vögelein.

unbekannter Verfasser

Des Abends, wenn ich früh aufsteh,
des Morgens, wenn ich zu Bette geh,
dann krähen die Hühner, dann gackelt der Hahn,
dann fängt das Korn zu dreschen an.
Die Magd die steckt den Ofen ins Feuer,
die Frau, die schlägt drei Suppen in die Eier,
der Knecht der kehrt mit der Stube den Besen,
da sitzen die Erbsen die Knder zu lesen.
O weh, wie sind mir die Stiefel geschwollen,
dass sie nicht in die Beine nein wollen!
Nimm drei Pfund Stiefel und schmiere das Fett,
dann stelle mir vor die Stiefel das Bett.

unbekannter Verfasser

Die Gäste der Buche

Mietegäste vier im Haus
hat die alte Buche:
Tief im Keller wohnt die Maus,
nagt am Hungertuche.

Stolz auf seinen roten Rock
und gesparten Samen,
sitzt ein Protz im ersten Stock;
Eichhorn ist sein Namen.

Weiter oben hat der Specht
seine Werkstatt liegen,
hackt und hämmert kunstgerecht,
dass die Späne fliegen.

Auf dem Wipfel im Geäst
pfeift ein winzig kleiner
Musikante froh im Nest.
Miete zahlt nicht einer.

Rudolf Baumbach

Unsre Katz hat Junge

Unsre Katz hat Junge,
sieben an der Zahl,
sechs davon sind Hunde.
Das ist ein Skandal.
Doch der Kater spricht:
Die ernähr ich nicht!
Diese zu ernähren,
ist nicht meine Pflicht!

unbekannter Verfasser

Der Ball der Tiere

Mich dünkt, wir geben einen Ball! sprach die Nachtigall.
So? sprach der Floh.
Was werden wir essen? sprachen die Wespen.
Nudeln! sprachen die Pudeln.
Was werden wir trinken? sprachen die Finken.
Bier! sprach der Stier.
Nein, Wein! sprach das Schwein.
Wo werden wir tanzen? sprachen die Wanzen.
Im Haus! sprach die Maus.
Auf dem Tisch! sprach der Fisch.

unbekannter Verfasser

Eine seltsame Kaffee-Gesellschaft

Die Witwe Frau von Gänseschwein,
die lud sich die Gesellschaft ein,
die neulich auf dem Forsthaus war
bei einem Kaffee wunderbar.
Es sitzen da an einem Tisch:
Herr Fischent und Frau Entenfisch,
Herr Hanenhund, Frau Schnauzerhuhn,
die wollen sich recht gütlich tun,
dazu kommt noch Frau Schlangenpatz
mit ihrem Freund Herrn Ratzenkatz.
Sie trinkien viele Tassen leer,
es schmeckt der gute Kuchen sehr.
Dann lecken sie die Teller rein
und putzen sich die Mäuler fein,
sie grüßen sich und sagen:
Auf Wiedersehn in acht Tagen!

Heinrich Hoffmann

Meh Lämmchen meh!

Meh Lämmchen meh!
Das Lämmchen lief in Schnee.
Es stieß sich an ein Steinchen,
da tat ihm weh sein Beinchen.
Das sagt das Lämmchen meh!

Meh Lämmchen meh!
Das Lämmchen lief in Schnee.
Es stieß sich an ein Stöckchen,
da tat ihm weh sein Köpfchen.
Da sagt das Lämmchen meh!

Meh Lämmchen meh!
Das Lämmchen lief in Schnee.
Es stieß sich an ein Sträuchelchen,
da tat ihm weh sein Bäuchelchen.
Da sagt das Lämmchen meh!

Meh Lämmchen meh!
Das Lämmchen lief in Schnee.
Es stieß sich an ein Hölzlchen,
da tat ihm weh sein Hälschen.
Da sagt das Lämmchen meh!

unbekannter Verfasser

Wettstreit

Der Kuckuck und der Esel,
die hatten einen Streit,
wer wohl am besten sänge
zur schönen Maienzeit.

Der Kuckuck sprach: "Das kann ich!"
und hub gleich an zu schrein.
"Ich aber kann es besser!"
fiel gleich der Esel ein.

Das klang so schön und lieblich,
so schön von fern und nah;
sie sangen alle beide:
"Kuckuck, Kuckuck, ia!"

Hoffmann von Fallersleben

Suse

Muhme Suse Brummel
steht vor unsrer Tür -
holt noch einen Brummbass her,
holt noch einen Zottelbär,
holt noch eine Hummel,
dann brummen sie alle vier.

Victor Blüthgen

Vom Schlaraffenland

Nun höret zu un schweiget still,
was ich euch wunders sagen will
von einem guten Lande.
Es bliebe mancher nicht daheim,
könnt er dahin gelangen.

Die Gegend heisst Schlaraffenland
ist faulen Leuten wohl bekannt,
liegt hinterm Zuckerberge.
Und willst du in das Land hinein,
friss dich hindurch die Zwerche.

Der Berg ist schier drei Meilen lang,
doch beiß dich durch und tu dir Zwang:
Gelingts dir ohne Schaden,
so findest du die Häuser all
gedeckt mit Eierfladen.

Tür und Wänd', das ganze Haus,
sind von Lebkuchenteig durchaus,
die Sparren Schweinebraten.
Kauft einer dort um Pfennigswert,
hier gilt es einen Dukaten.

Alle Brunnen sind voll süßem Wein,
rinnen einem selbst ins Maul hinein,
und andre süße Weine;
und wer die gerne trinken mag,
der macht sich auf die Beine.

Um jedes Haus, da ist ein Zaun
geflochten von Bratwürsten braun,
gebraten und gesotten.
Es mag sie essen, wer da will,
sie sind niemand verboten.

Auch fliegen um, das mögt ihr glauben,
gebratne Vögel, Gäns' und Tauben,
und wer sie nicht will fangen,
dem fliegen sie von selbst ins Maul,
braucht niemand danach langen.

Die Säu' geraten alle Jahr,
laufen herum und sind schon gar,
mit Messern in den Rücken,
dass jeder bald ohn' Aufenthalt
sich schneiden mag sein Stücke.

Fällt ein Wetter im Sommer ein,
so regnets lauter Honigseim.
Alle, die gern schlecken,
die laufen in das Land hinein,
da haben sie zu lecken.

Fängt es im Winter zu schneien an,
so schneit es nichts als Marzipan,
Rosinen auch und Mandeln,
und wer sie gerne knabbern mag,
der hat einen guten Handel.

Auf Tannen wachsen große Krapfen,
wie hierzuland die Tannenzapfen,
auf Fichten wachsen Schnitten.
Auch kann man von der Birken da
gute Speckkuchen schütten.

Auf Weiden wachsen Semmeln frei,
die Löffel hängen schon dabei,
darunter Milchbäch' fließen.
Die Semmel fallen in die Milch,
dass sie jeder kann genießen.

Faul' Gesinde, Mägde und Knecht,
sind in dem Lande gar eben recht.
Auf, Gretel, dann, und Stöffel!
Macht an den Milchbach euch geschwind
mit einem großen Löffel.

Wer tölpisch ist und gar nichts kann,
wird in dem Lande Edelmann,
und wer nichts tut als schlafen,
essen, trinken, tanzen und spielen,
der wird zu einem Grafen.

Wer der Allerfaulste wird erkannt,
ist König über das ganze Land
und hat ein groß' Einkommen.
Des Landes Art und Eigenschaft,
das habt ihr nun vollkommen.

Wer sich machen will auf die Reis'
und selbst dahin den Weg nicht weiß,
der mag einen Blinden fragen.
Ein Stummer ist auch gut dazu,
wird ihm nicht unrecht sagen.

Aus is, gar is,
schad', dass net wahr is!

Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Dann und wann

Morgens früh um sechs
kommt die kleine Hex;
morgens früh um sieben
schält sie gelbe Rüben;
morgens früh um acht
wird der Kaffee gemacht;
morgens früh um neune
geht sie in die Scheune;
morgens früh um zehne
hlt sie Holz und Späne;
feuert an um elfe,
kocht sie bis um zwölfe
Fröschebein und Krebs und Fisch.
Hurtig, Kinder, kommt zu Tisch!

unbekannter Verfasser

Das Büblein auf dem Eise

Gefroren hat es heuer,
noch gar kein festes Eis.
Das Büblein steht am Weiher
und spricht so zu sich leis:
"Ich will es einmal wagen,
das Eis, es muss doch tragen."
Wer weiß?

Das Büblein stampft und hacket
mit seinem Stiefelein.
Das Eis auf einmal knacket,
und krach! schon bricht es ein.
Das büblein platscht und krabbelt
als wie ein Krebs und zappelt
mit Arm und Bein.

"O helft, ich muss versinken
in lauter Eis und Schnee,
o helft, ich muss ertrinken
im tiefen, tiefen See!"
Wär' nicht ein Mann gekommen,
der sich ein Herz genommen,
o weh!

Der packt es bei dem Schopfe und zieht es dann heraus
vom Fuße bis zum Kopfe
wie eine Wassermaus.
Das Büblein hat getropfet,
der Vater hat geklopfet
es aus
zu Haus.

Friedrich Güll

Die Geschichte vom fliegenden Robert

Wenn der Regen niederbraust,
wenn der Sturm das Feld durchsaust,
bleiben Mädchen oder Buben
hübsch daheim in ihren Stuben.
Robert aber dachte: Nein!
Das muss draußen herrlich sein!
Und im Felde patschet er
mit dem Regenschirm umher.

Hui, wie pfeift der Sturm und keucht,
dass der Baum sich niederbeugt!
Seht! Den Schirm erfasst der Wind,
und der Robert fliegt geschwind
durch die Luft so hoch, so weit.
Niemand hört ihn, wenn er schreit.
An die Wolke stößt er schon,
und er Hut fliegt auch davon.

Schirm und Robert fliegen fort
durch die Wolken immerfort.
Und der Hut fliegt weit voran,
stößt zuletzt am Himmel an.
Wo der Wind sie hingetragen,
ja, das weiß kein Mensch zu sagen.

Heinrich Hoffmannn

Alter Mann wollt' reiten

Alter Mann wollt' reiten,
hatte kein Pferd.
Alte Frau nahm Ziegenbock,
setzt' den alten Mann darop,
lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
hatte keine Peitsch.
Alte Frau nahm Strumpfenband,
gab es ihm in seine Hand,
lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
hatten kein' Satt'l.
Alte Frau nahm Ziegelstein,
klemmt ihn zwischen seine Bein',
lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
hatte keine Stiefeln.
Alte Frau nahm Eimer an
stülpt sie über die Beine 'ran,
lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
hatte keine Spor'n.
Alte Frau nahm Rechenzähn,
steckt ihm diese in die Been,
lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
hatte keinen Rock.
Alte Frau nahm Unterrock,
schmiss ihn über seinen Kopf,
lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
hatte keinen Hut.
Alte Frau nahm Nachttopf,
setzte ihn auf seinen Kopf,
lässt ihn reiten.

Volkslied

Lügenmärchen

Ich will euch erzählen und will auch nicht lügen:
Ich sah zwei gebratene Ochsen fliegen,
sie flogen gar ferne-
sie hatten den Rücken gen Himmel gekehrt,
die Füße wohl gegen die Sterne.

Ein Amboss und ein Mühlenstein,
die schwammen bei Köln wohl über den Rhein,
sie schwammen gar leise-
ein Frosch verschlang sie alle beid'
zu Pfingsten wohl auf dem Eise

Es wollten vier einen Hasen fangen,
sie kamen auf Stelzen und Krücken gegangen,
der erste konnte nicht sehen,
der zweite war stumm, der dritte war taub,
der vierte konnte nicht gehen.

Nun denkt sich einer, wie dieses geschah:
Als nun der Blinde den Hasen sah
auf grüner Wiese grasen,
da rief es der Stumme dem Tauben zu,
und der Lahme erhaschte den Hasen.

Es fuhr ein Schiff auf trockenem Land,
es hatte die Segel gen Wind gespannt
und segelt' im vollen Laufen –
da stieß es an einen hohen Berg,
da tät das Schiff ersaufen.

In Straßburg stand ein hoher Turm,
der trotzte Regen, Wind und Sturm
und stand fest über die Maßen,
den hat der Kuhhirt mit seinem Horn
eines Morgens umgeblasen.

Ein altes Weib auf dem Rücken lag,
sein Maul wohl hundert Klaftern weit auftat,
's ist wahr und nicht erlogen,
drin hat der Storch fünfhundert Jahr
seine Jungen großgezogen.

So will ich hiermit mein Liedlein beschließen,
und sollt's auch die werte Gesellschaft verdrießen,
will trinken und nicht mehr lügen:
bei mir zu Land sind die Mücken so groß,
als hier die größesten Ziegen.

Ernst Moritz Arndt